Offshore

UNTERWEGS IN DEN ROARING FORTIES

Nach vier Wochen kämpft Boris Herrmann zuweilen mit Einsamkeit. Auch das Wetter macht es nicht einfacher - Das Südpolarmeer zeigt sich der Spitzengruppe der ersten Zehn mit 'sehr aktiven' Wetterbedingungen

"Es kann nur besser werden" - Im Southern Ocean kehrt keine Ruhe ein. Ein Wettersystem jagt das nächste. Spitzenreiter Charlie Dalin musste sich durch Windgeschwindigkeiten von bis zu 55 Knoten kämpfen - dafür führt er mit einem Vorsprung von etwa 200 Seemeilen. Nach einer kurzen Wetterberuhigung zieht derzeit die nächste Front durch, mit bis zu 40 Knoten. Boris Herrmann setzt in dieser Zeit weiter auf Sicherheit, die aber - wie er im jüngsten Interview sagte, "doch sehr relativ" ist, wenn man erstmal das Erlebnis Solo im Südpolarmeer erlebt hat. Dabei hält er sich gut: Auf Platz 7 verteidigt Boris Herrmann souverän sein Ziel, unter die ersten 10 kommen zu wollen.

Am Dienstag morgen vermeldete er von Bord: „Von jetzt an wird der Wind zunehmen und erst in 48 Stunden etwa 800 Seemeilen von hier wieder nachlassen. Es wird das stärkste Tief sein, das wir bislang hatten. Ich bin bereit dafür. Mein nächster innerer Meilenstein ist die Halse am Donnerstag – dann weiß ich, dass ich das Schlimmste überstanden habe und über die folgenden 1600 Seemeilen bis Kap Leeuwin leichtere Bedingungen haben werde, wo ich voraussichtlich am 13. Dezember sein werde."

NRV Offshore Vorstand Bendix Hügelmann empfiehlt zu aktuellen Wettersituation den Videobeitrag von Team Malizia Co-Skipper Will Harris. In dem kurzen Clip zeigt Harris anschaulich, was die Segler da unten am anderen Ende der Welt gerade erwartet.

Aber in ein paar Tagen soll es ruhiger werden. Dann kann Boris Herrmann vielleicht ein wenig durchschnaufen und anstehende Reparaturen in Angriff nehmen - wie beispielsweise seine J2 reparieren, oder auch die abgerissenen Hydro-Generatoren. Am Vorsegel ist ein Teil des Reisverschlusses offen und die Hydro-Generatoren waren abgerissen, als seine Seaexplorer eben trotz aller Bremsbemühungen viel zu sehr beschleunigte: "Der andere große Meilenstein wird dieser Freitag sein.", erzählt Boris Herrmann. "An diesem 11. Dezember wird der Wind erstmals seit Eintauchen in den Southern Ocean auf unter 15 Knoten abnehmen. Dann kann ich meine J2-Reparatur und einige andere notwendige Jobs abhaken. Die J2 zurückzugewinnen, wird meiner Zuversicht Aufwind bescheren, weil mir dieses Segel einen ganzen Ozean über fehlt. Das hat mein Leben schwerer gemacht und viele Meilen gekostet. Ich freue ich mich auf das Comeback des Segels.”

Ein informatives Interview über die bis jetzt erlebten Eindrücke im Südpolarmer findet sich bei der Zeitschrift Yacht: "Ich bin der Meinung, der menschliche Geist kann sich an alles gewöhnen, aber es sind harte Bedingungen, meine Güte. Verdammt nochmal, ich bin froh, wenn ich wieder zu Hause bin!" (B. Herrmann)

Verglichen zur Vorwoche, war diese Woche dennoch nahezu 'ruhig' verlaufen. Die drei Havaristen Alex Thomson, Sébastiens Simon und Sam Davies sind sicher in Kapstadt angelandet und auch Kevin Escoffiers Retter Jean Le Cam ist seit Sonntag wieder solo unterwegs.

Escoffier wurde abgeborgen von der französischen Marine. Dazu musste er erneut in seine Überlebensanzug steigen und erneut ins Meer springen:


Insgesamt zählt das Ranking der Vendée Globe nun 5 Mal 'Abgebrochen' - nicht ungewöhnlich. Bei der Pressekonferenz anlässlich der ersten 4 Wochen resümiert Renndirektor Jacques Caraës: »Das Wetter ist bislang nicht einfach gewesen. Im Southern Ocean waren mehrere Systeme sehr aktiv. Was eine sehr chaotische See und hohe Wellen verursacht hat. Es ist eine besonders schwierige Vendée Globe. In der nördlichen Hemisphäre haben sie nicht die erhofften schnellen Kurse in den Passatwinden gefunden. Nur die Passage durch die Doldrums war schneller als sonst.“ Weiter sagte Caraës zur Ausfallquote: „Von den 33 Startern mussten fünf mit Schäden aufgeben. Diese Quote ist unglücklicherweise keine Überraschung. Wir müssen uns daran erinnern, dass die durchschnittliche Ausfallquote bei etwa 50 Prozent liegt. Und für den Moment sind hauptsächlich die neueren Boote betroffen.«

Und so kann man nur allzu gut nachvollziehen, wenn die als Gesamt-Neunte und beste Skipperin in den Top Ten segelnde Deutsch-Französin Isabell Joschke („MACSF“) am 30. Tag auf See die Verhältnisse sehr nachdenklich reflektiert: „Ich bin noch nicht total akklimatisiert hier im Southern Ocean. Ich denke, die Vendée Globe ist auf jedem ihrer Schritte mental schwierig. Erst musst du das Südmeer erreichen. Und dann bist du da und denkst: ‚Oh, hier werde ich nun für 40 Tage sein.“ Dann sind da einfach diese Zweifel: Werde ich das alles überleben? Wird mein Boot das alles überleben? Da sind viele, viele Zweifel. Ich fühle mich hier unten viel verletzlicher als im Atlantik.“

Wir drücken die Daumen und bleiben dran!

Typisch Südpolarmeer: Albatrosse, mit ihrer riesigen Spannweite zwischen 2 und 3,5 Metern. Seelen gestorbener Seeleute, sagt man.